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Außer Rand und Band
Beim Pokalfinale rasten Fans aus Weinböhla aus. Der Verein hat sich entschuldigt. Doch der Imageschaden ist enorm.

Von Thomas Riemer



Großenhain. Das Fußball-Kreispokalfinale in Zabeltitz am Pfingstmontag hat noch gar nicht begonnen, da gerät der Sport erst einmal zur Nebensache. Ein paar Minuten vor Spielbeginn kommen um die 20 „Fans“ des TuS Weinböhla in Richtung Stadion. Sie postieren sich auf der Halde hinter dem Tor, befestigen ein Banner am Zaun. „Sie haben angekündigt, dass sie etwas vorhaben. Aber wir wissen nicht, was“, so ein Weinböhlaer, der seinen Platz unter den wahren Fans des Vereins auf der Gegenseite gefunden hat. Als die Mannschaften des Großenhainer FV 2. und von TuS Weinböhla auflaufen, wird das „Geheimnis“ für alle 850 Zuschauer gelüftet: Das Banner wird freigegeben, lila-weißer Rauch und ein paar Böller lassen das Areal zum Tollhaus werden. Ein paar schmutzige Schmährufe unter der Gürtellinie in Richtung Großenhainer Spieler und Fans „garnieren“ das Geschehen. Der austragende Verein FV Zabeltitz ruft Polizei um Hilfe. Trotzdem geht im Verlauf des Spiels ein Begrenzungszaun kaputt. Auch Feuerlöscher müssen geholt werden, weil einzelne Stellen der Halde durch die Knallerei und Zündlerei in Brand geraten sind. Nach dem Spiel bekommt ein Zabeltitzer Ordner nach kurzer Handgreiflichkeit ein blaues Auge verpasst.

Großaufgebot der Polizei

Die Polizei war insgesamt mit 60 Beamten im Einsatz, so Polizeisprecher Thomas Geithner. Extra aus Dresden sei ein Einsatzzug von einer dortigen Demonstration abgezogen worden. „Die 20 bis 25 teils vermummten Personen waren zum Teil erheblich alkoholisiert“, so Geithner. Deshalb sei ihnen von den Ordnungskräften der Zugang zum Stadion verwehrt worden. Auch noch nicht abgebrannte Pyrotechnik wurde sichergestellt: 14 Fontänen und zwei Nebelbomben.

Der TuS Weinböhla, der das Finale letztlich im Elfmeterschießen gewinnt, steht ob der Ereignisse unter Schock. „Wir möchten uns als Verein für unsere Fans entschuldigen“, sagt Vereinschef Tom Petters. Auch beim FV Zabeltitz und beim Kreisverband Fußball Meißen haben sich die Weinböhlaer inzwischen entschuldigt und in Aussicht gestellt, den entstandenen Schaden zu begleichen. Ein erstes Treffen dazu soll es gestern vor Ort gegeben haben.

Kritik an die Gäste

Die Schadenshöhe ist zahlenmäßig noch nicht beziffert. Der FV Zabeltitz hat gegenüber der Polizei inzwischen verlautet, dass der Verein wohl nicht zivilrechtlich gegen einzelne Randalierer vorgehen wird. Der Aufwand, den Zaun zu reparieren, sei zudem nicht so enorm, sagt FV-Sprecher Thomas Koitzsch. Da werde man sich sicherlich mit TuS Weinböhla schnell finden.

Koitzsch sagt aber auch: „Der Imageschaden ist enorm.“ Kritik richtet sich insbesondere an die Gäste aus Weinböhla. Denn eigentlich waren beide Finalisten gefordert, mindestens zwei eigene Ordner bereitzustellen. Die Großenhainer seien dem nachgekommen, Weinböhla leider nicht mit der Begründung, dass TuS ja nicht der Veranstalter sei. Kritik hagelt es bei Facebook zudem, da offenbar von der Weinböhlaer Wechselbank während des Spiels immer wieder „aufmunternde“ Gesten an die Fans auf der Halde kamen.

Einschreiten wäre nötig gewesen

„Da hätte der Schiedsrichter oder wenigstens sein Assistent auf der betroffenen Spielfeldseite eventuell einschreiten müssen“, kommentiert Uwe Wiedermann das Szenario. Der Vorsitzende des Meißner Kreisfußballverbandes ist ebenso erschrocken über das Zabeltitzer Geschehen. „Schlimm so etwas“, ist sein erster Kommentar noch vor Spielbeginn. Wiedermann bestätigt die Entschuldigung von TuS, sagt aber auch: „Es waren nur 20 Leute, die dem Verein geschadet haben.“ Möglichen Konsequenzen will er aber nicht vorgreifen. Erst müsse sich der Kreisverband dazu noch einmal verständigen, der zu einem großen Teil ja auch selbst vor Ort war. Vorwürfe zur Wahl des Endspielortes weist Wiedermann allerdings zurück. Der Kreisverband habe Zabeltitz schon frühzeitig den Zuschlag gegeben und sich unter anderem an zwei anstehenden Fußball-Jubiläen im Dorf in diesem Jahr orientiert. Auch Großenhain und Weinböhla hätten sich um die Austragung seinerzeit beworben. Die Festlegung sei aber unabhängig davon gefallen, dass von dort auch die Finalisten kamen. Im Übrigen zu einem Zeitpunkt, als die Finalpaarung noch nicht bekannt war, so Wiedermann. Und der gesamte Ablauf in Zabeltitz mit Frauen- und Männerfinale habe gezeigt: „Zabeltitz war der Sache gewachsen.“

Zwei Extra-Busse

Weinböhlas Vereinschef Tom Petters sucht noch immer nach Erklärungen. Der Verein hatte im Vorfeld extra zwei Busse geordert, mit denen reichlich 100 Fans nach Zabeltitz kutschiert wurden. Mit den Bus-Tickets seien jedoch keine Eintrittskarten für das Finale verbunden gewesen. Das erklärt, warum sich die Gruppe der Ruhestörer gar nicht erst die Mühe machte, den Einlass zu passieren, sondern außerhalb der Begrenzung Unruhe stiftete. „Wir haben als Verein nichts von Bengalos gewusst“, sagt Tom Petters. Zu Kontrollen sei der Verein jedoch diesbezüglich nicht befugt. Warum TuS Weinböhla keine eigenen Ordner zur Verfügung stellte, „da müssen noch einige Dinge klargestellt und aufgearbeitet werden“, so Petters. Er selbst sei zwei Mal in der betreffenden Zuschauerkurve gewesen, um zu beschwichtigen. Umsonst.

Mit Polizeieskorte nach Hause

Künftig, so Petters, müsse der Kreisverband bei der Vergabe der Orte für derartige Spiele bedenken, ob das jeweilige Stadion „infrastrukturell geeignet ist“. Vier Dixi-Klos für über 800 Zuschauer seien dann doch etwas wenig. Thomas Koitzsch vom FV Zabeltitz verweist darauf, dass Zabeltitz 2009 schon einmal ein Kreispokalfinale unter ähnlichen Bedingungen durchführte – und es keine Beschwerden gab.

Nach außen ist nun schon wieder etwas Gras über die Sache gewachsen. Weinböhla und Zabeltitz wollen sich einigen, Entschuldigungen sind ausgesprochen und akzeptiert. Und auch die kleine Gruppe Weinböhlaer „Fans“ dürfte wieder wach sein. Sie wurde durch die Polizei nach dem Spiel zu den Bussen begleitet und von den Beamten vorsorglich sogar zur Pokalsieg-Feier in Weinböhla eskortiert.
20.05.2016 12:31 Uhr
Quellen
SZ-Online, 20.05.2016: http://www.sz-online.de/nachrichten/ausser-rand-und-band-3400114.html