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„Profi-Fußballer leben wie die Made im Speck“
Trainerlegende Eduard Geyer nahm bei einem Auftritt wieder einmal kein Blatt vor den Mund.

Von Manfred Müller


Großenhain. Ede Geyer muss man einfach mögen. Wo andere Trainer gestelztes Zeug von sich geben, redet der Mann Klartext. Der Beruf des Profifußballers? Einen schöneren gibt es nicht, sagt Geyer. Die müssen eigentlich nur machen, was der Coach ihnen sagt, ansonsten leben sie wie die Made im Speck. Zumindest ab der dritten Liga.

Am Sonntagabend kam das sächsische Fußball-Urgestein auf Einladung des GFV 1990 ins Kulturschloss, im Gepäck sein neues Buch „Einwürfe“. Aber um das Buch ging es nicht wirklich. Der Dresdner ist ein begnadeter Erzähler – punktgenau, intelligent und witzig. Moderator Kai Suttner hatte keine Mühe, ihm genau jene Anekdoten zu entlocken, auf die die etwa 100 Besucher warteten. Da habe ihm doch tatsächlich mal ein Spieler weismachen wollen, er hänge beim Training deshalb durch, weil er sich am Vorabend beim Italiener mit Muscheln vergiftet habe. Was für ein Rindvieh! Hätte er doch gesagt: Trainer, ich habe gestern beim 90. Geburtstag meiner Oma einen gesoffen. Dafür, versichert Geyer, hätte er ein gewisses Verständnis aufgebracht. Raunen und leises Gelächter im Saal. Echte Fußballfans kennen die Story natürlich aus den Medien und wissen genau, um wen es geht.

Als gelernter Mittelstürmer hatte Eduard Geyer in den 1970er Jahren seinen Anteil am Aufstieg Dynamo Dresdens in die DDR-Fußball-Elite. Warum er es nie zum Stammspieler in der Nationalmannschaft geschafft habe? „Ich war wohl einfach nicht gut genug“, gibt er unumwunden zu. Auch seine Trainerlaufbahn verlief durchaus holprig. Erst Juniorentrainer bei Dynamo, ab 1986 dann Cheftrainer der Oberligamannschaft und 1989 der Meistertitel, mit dem ein Jahrzehnt BFC-Herrschaft beendet wurde.

Sein autoritärer Führungsstil gefiel nicht jedem

Allerdings trat er schon ein Jahr später nach dem erneuten Titelgewinn zurück, weil sich die Spieler gegen seinen autoritären Führungsstil aufgelehnt hatten. In der Wendezeit wurde Eduard Geyer zum DDR-Nationaltrainer berufen. Sein Team spielte anfangs eine erfolgversprechende WM-Qualifikation, vermasselte sie aber dann gegen Österreich. Aber die DDR verschwand ja ohnehin und Geyer fing beim ungarischen Klub Bányász Siófok wieder eine Nummer kleiner an.

Über Sachsen Leipzig kam der Dresdner schließlich zu Energie Cottbus, wo er zur Trainerlegende wurde. Er führte die Mannschaft von der Regionalliga bis in die Bundesliga, wo sich der Underdog drei Jahre lang hielt. Weil Energie finanziell immer am Rande der Zahlungsunfähigkeit rangierte, kaufte Geyer talentierte, aber preiswerte Kicker aus Osteuropa ein. Großes Aufsehen erregten jene Spiele, in denen für Energie kein einziger Deutscher mehr auf dem Platz stand. „Na und“, sagt der Ex-Coach. Chelsea hat das später auch gemacht, und vor einiger Zeit war Manuel Neuer bei den Bayern auch der einzige deutsche Spieler.“

Geyers Ruf als berüchtigter Schleifer relativiert sich etwas, wenn er selbst darüber spricht. Einmal habe er drei Finnen zum Probetraining nach Cottbus eingeladen, erzählt er. Kicker aus dem Land der Holzfäller und Eishockeyspieler – da sei er von einer gewissen Härte ausgegangen. Am zweiten Morgen kamen die Spieler nicht mehr auf den Platz, zu müde . Diese Pappnasen habe er sofort wieder nach Hause geschickt

Mit solchen Geschichten gespickt, verlief der Abend ausgesprochen kurzweilig. Wem er im Sommer den Europameistertitel zutraut? Auch hier macht der Dresdner aus seinem Herzen keine Mördergrube. Deutschland eher nicht, aber den jungen, aufstrebenden Belgiern würde er die Trophäe schon wünschen.
03.05.2016 17:55 Uhr
Quellen
SZ-Online, 03.05.2016, http://www.sz-online.de/nachrichten/profi-fussballer-leben-wie-die-made-im-speck-3387311.html