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Sylvio Schwitzky: „Es geht immer weiter“ (SZ)
Sylvio Schwitzky spielte in der Vorsaison noch in der 4. Liga. Nun ist er drei Spielklassen tiefer aktiv – als Amateurkicker.

Von Jürgen Schwarz



Die erste Vermutung, dass es sich um e nen Druckfehler handelt, lag nahe, als der Großenhainer FV vor einigen Wochen die Verpflichtung von Sylvio Schwitzky verkündete. Schließlich hatte der 28-Jährige gerade seine erste Regionalliga-Saison mit Budissa Bautzen gespielt und 21 Punktspiele in der 4. Liga bestritten. „Nein, nein, das hat schon alles seine Richtigkeit“, bestätigte der 1,74 m große Mittelfeldakteur wenig später den Transfer. Er weiß, dass er damit noch offene Fragen hinterlässt.

Um die Entscheidung von Sylvio Schwitzky nachvollziehen zu können, muss man seine Lebensgeschichte kennen. Schnell wird klar, der sympathische Kicker ist ein Familienmensch. In Roßwein geboren, lebt er mit Freundin Mandy und Söhnchen Lio (1) immer noch in seinem Geburtsort, hat sich inzwischen ein Familienhaus eine Wohnung ausgebaut. Auch mit dem Fußball spielen begann er in Roßwein, sein Vater Stefan war sein erster Trainer. „Und der Beste, den ich je hatte“, ergänzt er verschmitzt lächelnd. Danach ging es weiter zu Sachsen Leipzig, dem VfB Leipzig (1. FC Lok Leipzig) und als A-Junior zum FC Erzgebirge Aue.

Bemerkenswert, Sylvio Schwitzky blieb trotz der verschiedenen Stationen immer im Elternhaus wohnen. „Ich wollte nicht ins Internat und so hat mich mein Vati jahrelang immer nach Leipzig und später nach Aue zum Training und zu den Spielen gefahren“, erzählt er – und merkt an: „Er hat immer die Strapazen auf sich genommen und mich zum Fußball gefahren.“ Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind Freundin und Eltern auch heute noch als Zuschauer bei jedem Spiel dabei.

Hoßmang ruft aus Bautzen an

Vor fünf Jahren meldete sich Thomas Hoßmang, damals Trainer der Bautzener, und holte Sylvio Schwitzky zu Budissa. Später trainierte er unter Dirk Rettig, Thomas Baron, Damian Halata und Thomas Hentschel. Und er blieb sich treu, fuhr fünfmal pro Woche von Roßwein nach Bautzen (rund 110 km) zum Training und an den Wochenenden zu den Spielen. „In Dresden habe ich dann immer noch ein paar Spieler eingesammelt, die dort wohnten.“ Was zunächst nach unglaublichem Stress klingt, relativiert sich durch die Tatsache, dass er bei Budissa Bautzen als Profi-Fußballer aktiv war und keinen Nebenjob brauchte. Wohl auch ein Grund, dass die Spreestädter sich nun von ihm trennten. „Sicher, ich hatte einen gut dotierten Vertrag, einen Dienstwagen und eine Tankkarte. Aber ich war durchaus bereit, Abstriche zu machen.“ Über Wochen zog sich die Entscheidung bei den Spreestädtern hin. „Erst hieß es, man wolle einen neuen Spieler holen. Dann meinte Trainer Hentschel, man würde doch weiterhin mit mir planen. Als ich dann im Urlaub war, erhielt ich eine SMS von Herrn Hentschel, dass die Bautzener mir doch keinen neuen Vertrag anbieten. Sie waren offensichtlich in Tschechien fündig geworden.“

Erstaunlich, dass Sylvio Schwitzky die Geschehnisse völlig unaufgeregt schildert. „Seit der Geburt meines Sohnes hat sich in den Wertigkeiten meines Lebens viel verändert. Sicher hätte ich noch zwei, drei Jahre als Profi weitermachen können. Aber ich will nicht nach Neustrelitz oder Halberstadt umziehen. Irgendwann ist mit dem Fußball sowieso Schluss und ich muss mich beruflich neu orientieren. Bei mir ist das eben nun schon im Alter von 28 Jahren der Fall. Aber das ist kein Problem für mich, es geht immer weiter.“

Und damit kommen die Großenhainer ins Spiel. „Alexander Gleis hatte mitbekommen, dass ich in Bautzen aufhöre und mich angerufen. Zuvor kontaktierte er Budissas Kapitän Martin Kolan, zu dem ich in Bautzen einen guten Draht hatte. Es waren dann wirklich sehr angenehme Gespräche mit Alex“, sagt er. „Der Verein hat mir eine Arbeit besorgt und will mich auch dabei unterstützen, dass ich ab Herbst eine Ausbildung zum Erzieher machen kann.“ Wo genau die Ausbildung sein wird, weiß Sylvio Schwitzky noch nicht. Im Gespräch ist Döbeln, aber auch in der Nähe von Roßwein gibt es Möglichkeiten. „Nebenbei kann ich weiter Fußball spielen, in einem gut strukturierten Verein und einer Mannschaft, die ambitioniert ist.“ Zusammen mit Kapitän Sebastian Miltzow (37), erster Saison-Torschütze der Großenhainer, spielte er 2010/11 für Bautzen in der Oberliga.

193 000 Kilometer in zwei Jahren

Eine Umstellung ist es für Familie Schwitzky dennoch. „Erst einmal brauchten wir ein Auto. Ich habe dann in Bautzen meinen Dienstwagen erworben. Der hatte nach zwei Jahren übrigens 193 000 Kilometer auf dem Tacho stehen. Aber egal, ich wusste ja, dass nur ich ihn gefahren habe.“ An den Fußball in der 7. Liga musste sich Sylvio Schwitzky auch erst einmal gewöhnen. „Zwei Wochen hatte ich schon Probleme. Bei Budissa waren die Laufwege einstudiert, taktisch alle Spieler auf einem hohen Level. Natürlich kann das niemand in der Landesklasse erwarten. Inzwischen fühle ich mich aber pudelwohl, weiß wo meine Mitspieler ihre Stärken haben. Ich sehe mich da auch etwas als Unterstützer des Trainers.“ Allein die Tatsache, dass der technisch versierte und schnelle Mittelfeldmann, dessen Marktwert immer noch bei 75 000 Euro liegt, in der Vorbereitung regelmäßig traf und auch im Pokalspiel in Coswig (2:1 nach Verlängerung) das 1:0 markierte, zeigt, dass Sylvio Schwitzky in Großenhain längst angekommen ist. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es trotzdem. „Ich bin im Pokalspiel in Coswig im Strafraum gefoult worden. Dabei bleib nicht nur der Elfmeterpfiff aus, sondern ich habe mich auch noch ziemlich heftig an der Schulter verletzt.“

Zwangspause auch im Landespokal

So ging der Punktspielstart gegen den Meißner SV (2:0) am vergangenen Freitagabend ohne Sylvio Schwitzky in der Jahnkampfbahn über die Bühne. Und auch für den Pokalknaller gegen den NFV Gelb-weiß Görlitz am kommenden Sonnabend (Anpfiff um 15 Uhr) wird es wohl nicht reichen. „Ich wäre gern bei diesem Pokalfight dabei, aber es bringt ja nichts, etwas zu erzwingen. Die Saison ist noch lang und ich werde der Mannschaft sicher noch helfen können.“ Derzeit orientiert er sich am 22. August. Dann spielen die Großenhainer in Mittweida um Punkte.. Viele Trainer sehen dieses Duell als „Gipfeltreffen“, denn Germania und der GFV 1990 werden als heißeste Titelanwärter der Landesklasse Mitte gehandelt. „Ja, da will ich dabei sein.“



Bildunterschriften:

links: Die Großenhainer gehen mit Sylvio Schwitzky (rechts) in die neue Landesklasse-Saison. Hier überläuft der ehemalige Regionalliga-Spieler, der aus Bautzen kam, den Bischofswerdaer Gerrit Hamel. Im ersten Punktspiel erwartet der GFV 1990 heute Abend den Meißner SV zum Derby. Foto: Christian Kluge

mitte: So kennt man Flügelflitzer Sylvio Schwitzky aus Bautzener Zeiten. Er bestritt 21 Regionalligapartien für die Spreestädter und insgesamt 161 Oberligaspiele, davon 50 für die zweite Mannschaft der Auer „Veilchen“. Beim FC Erzgebirge wurde er u. a. von Rico Schmitt trainiert, jetzt Chefcoach bei Kickers Offenbach. Foto: Torsten Zettl

rechts: Sylvio Schwitzky (l) im Großenhainer Trikot. Leider muss der Neuzugang aufgrund einer Verletzung eine Zwangspause einlegen. Foto: Christian Kluge
27.10.2015 12:00 Uhr
Quellen
SZ-Online, 11.08.2015: ttp://www.sz-online.de/nachrichten/es-geht-immer-weiter-3169629.html