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Großenhains Kapitän hat alles im Blick
Sebastian Miltzow arbeitet als Sportlehrer an einer Grundschule. Jetzt drückt er für drei Jahre selbst die Schulbank.

Von Jürgen Schwarz



Im Mai feiert Sebastian Miltzow seinen 37. Geburtstag. An das letztes Jubiläum kann sich der Kapitän des Großenhainer FV noch gut erinnern: „Wir gewannen gegen Mittweida mit 3:1 und ich erzielte den dritten Treffer.“ Tore hat der 1,84 Meter große Offensivspieler in seiner Laufbahn sehr viele erzielt. Allein in der Oberliga schoss er in 238 Punktspielen 62 Treffer.

Die ersten Gehversuche auf dem Fußballplatz unternahm Sebastian Miltzow im Alter von sechs Jahren bei Traktor Priestewitz. „Danach habe ich schon in Großenhain gespielt, daher gab es auch immer den Kontakt zum Verein“, erzählt der zweifache Familienvater. Bei Stahl Riesa lernte Miltzow erstmals auch die Schattenseite seiner Sportart kennen. „Ich kam 2001 zu Stahl. Wir spielten unter Trainer Horst Rau in der Oberliga, hielten die Klasse, aber Geld war keins mehr da.“ Die Insolvenz folgte, die Riesaer Spieler verstreute es in alle Himmelsrichtungen. „Ich kam nach Neugersdorf, spielte drei Jahre mit dem Klub in der Oberliga.“ Und „Mille“ wurde bei den Oberlausitzern zum Leistungsträger, bestritt 84 Punktspiele und erzielte 22 Tore. Es folgten drei Jahre beim ZFC Meuselwitz. Die dort ansässige Bluechip Computer AG machte es möglich, dass die Fußballer praktisch unter profiähnlichen Bedingungen spielen konnten. „Einige Jungs waren in der Firma angestellt, aber ich musste in dieser Zeit nicht arbeiten.“ Dafür beendete er sein Diplom-Sportlehrer-Studium.

Im Jahr 2008 folgte der Wechsel zu Budissa Bautzen. Trainer war Steffen Hammermüller, später folgte Thomas Hoßmang. „Eine tolle Zeit, mit einem tollen Trainer“, erinnert er sich. Dabei hatte der Wechsel in die Spreestadt eher berufliche Gründe, denn Sebastian Miltzow wollte sich selbstständig machen, in Meißen ein Therapiezentrum eröffnen. Daraus aber wurde nichts. Bei seiner Vorstellung in Bautzen wurde er auch nach seinem Vorbild gefragt: Thierry Henry. Der Franzose spielte damals für den FC Barcelona. Miltzows Lieblingsauto ist übrigens ein Ford Mustang Coupe, Baujahr 1965.

Die folgenden zwei Spielzeiten in Heidenau verliefen nicht so, wie es sich der Stürmer vorgestellt hatte. „Ich habe mich später gefragt, warum sie mich überhaupt geholt haben. Mit meinem Stil, Fußball zu spielen, passte ich eigentlich gar nicht in die Philosophie des Trainers.“ Hinzu kam eine schwere Verletzung (Kreuzbandriss), die ihn aus dem Tritt brachte. Immerhin feierte er 2012 den Oberliga-Aufstieg mit, ein Jahr später trennten sich die Wege.

„Es war sicher ein logischer Schritt, dass ich irgendwann wieder in der Heimat spielen würde“, sagt Sebastian Miltzow. „Ich habe in Großenhain gewohnt, kannte viele Leute im Verein. Und mit Alexander Gleis habe ich früher in Riesa gespielt. Er hatte mich immer mal wieder angesprochen, ob ich meine Laufbahn nicht beim Großenhainer FV ausklingen lassen wolle. Ja, und dann habe ich zugesagt.“

Inzwischen spielt Sebastian Miltzow das zweite Jahr für die Großenhainer in der Landesklasse Mitte. Bisher läuft es sehr gut, „obwohl wir eine katastrophale Rückrunden-Vorbereitung hatten, weil wir durch die vielen Ausfälle nie komplett waren“. Selbst Kumpel „Alex“ Gleis musste zuletzt mit seinen 41 Jahren noch in der Ersten als Spieler aushelfen. Und zum Glück wird Kollege Tino Wecker mit seinen 39 Lenzen immer besser. Ob Sebastian Miltzow auch so lange zur Stange hält? „Keine Ahnung, ich plane jetzt immer nur für ein Jahr. Und wenn es nach meiner Lebensgefährtin Ricarda geht, sollte ich bald aufhören.“ Der Begriff Lebensgefährtin ist übrigens irreführend, „denn wir sind seit 18 Jahren zusammen“. Zur Familie, die jetzt wieder in Priestewitz lebt, gehören noch Tochter Stella (7) und Sohnemann Till (2). „Wir haben uns ein Haus gekauft und das Gebäude ausgebaut. Früher hatten meinen Eltern, die zusammen mit meinem Bruder gleich nebenan wohnen, dort ihren Laden drin.“

Beruflich läuft es für den diplomierten Sportlehrer auch gut. „Ich habe in einer privaten Berufsschule als Honorarkraft gearbeitet und bin seit zwei Jahren an einer Grundschule als Sportlehrer angestellt.“ Nun wurde von der Schulbehörde eine Qualifizierungsmaßnahme in Leipzig angeboten. „Dort kann ich sozusagen den richtigen Grundschullehrer-Abschluss mit Mathematik, Deutsch oder Sachkunde ablegen.“ Am 26. Februar begann das Studium, in drei Jahren wird es beendet sein. „Ich arbeite drei Tage in der Woche und sitze Donnerstag und Freitag in Leipzig auf der Schulbank. Für mich als Quereinsteiger ist das wie ein Fünfer im Lotto.“ Trainieren kann Sebastian Miltzow nun zwar donnerstags nicht mehr, „aber es ist alles mit dem Trainer abgesprochen. Das passt schon.“
27.10.2015 12:00 Uhr
Quellen
SZ-Online, 31.03.2015: http://www.sz-online.de/nachrichten/grossenhains-kapitaen-hat-alles-im-blick-3070988.html