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ANFAHRT
Zone der Besinnung
Der Fußball-Kreisverband schreibt jetzt für alle Großfeld-Spiele eine Coaching-Zone vor. Was er sich davon verspricht.

Von Thomas Riemer


Der Aufschrei ist groß, als der Rechtsverteidiger den anstürmenden Angreifer über die Klinge springen lässt. „Rot, mindestens Gelb“, ereifert sich dessen Trainer, springt dabei wie Rumpelstilzchen an der Seitenlinie und läuft dann auf den Rasen. Der junge Schiedsrichter wirkt verunsichert, fühlt sich bedrängt. Statt Gelb für den Verteidiger gibt’s Rot für den Coach. Der schimpft wie ein Rohrspatz und kann sich auch in der „Verbannung“ der Zuschauerränge nicht beruhigen.

Solche und ähnliche Vorfälle gibt es regelmäßig auf und vor allem neben den Fußballplätzen. Auch im Landkreis Meißen, wie der Kreisverband Fußball (KVF) in seinem Saisonfazit resümiert. Die Konsequenz: Aufgrund vergangener Ereignisse auf den Fußballplätzen des KVF Meißen fasste der Vorstand den Beschluss zur Einführung der Technischen Zone ab dem Spieljahr 2014/15 bei allen Großfeldspielen auf Kreisebene. Also nicht nur bei den Herren, sondern jetzt auch in den Altersklassen von C- bis A-Jugend. Die sogenannte Coaching-Zone diene der besseren Kenntnisnahme und Entscheidungsgewalt des Schiedsrichters gegenüber Auswechselspielern, Teamoffiziellen und möglichen Drittpersonen, so die Auffassung des KVF.



Verunsicherte Schiedsrichter

Welche konkreten Vorfälle im Landkreis letztlich den Ausschlag für diese Entscheidung gaben, dazu hüllt sich der Kreisverband zwar in Schweigen. Doch dürfte sie unter anderem eine Reaktion von immer wieder beobachteten kleinen oder auch größeren Verfehlungen von Nachwuchsbetreuern sein. Hinzu kommen immer wieder Proteste der „Fraktion“ der Eltern junger Spieler. Die richten sich nicht nur gegen die vermeintliche Benachteiligung ihrer Sprösslinge in Zweikämpfen, sondern auch die Umsetzung der eh nicht einfachen Abseitsregel. Vor allem junge Schiedsrichter und deren Assistenten sprechen teilweise von beklemmenden Zuständen nach verbalen Angriffen.

Mit der Einführung der Coaching-Zone will der Kreisverband das zumindest eindämmen. Denn die Vorschriften für eine solche Technische Zone sind ziemlich restriktiv. Sie ist ein abgegrenzter Raum außerhalb des Spielfeldes, „in dem sich Trainer, Betreuer und Ersatzspieler aufhalten dürfen“. Der rechteckige Bereich ist in der Regel durch Begrenzungslinien markiert, kann aber auch durch Hütchen gekennzeichnet werden. Die Coaching-Zone erstreckt sich von der Ersatzspielerbank bis einen Meter an die Seitenlinie heran. Auf jeder Seite der Wechselbank darf sie einen Meter über deren Breite hinaus reichen. Beschrieben wird das in der Regel 3 des International Football Association Board. Demnach wird entsprechend des jeweiligen Wettbewerbes festgelegt, wer sich in der Technischen Zone aufhalten darf. Der Personenkreis ist vor Spielbeginn zu benennen. Taktische Anweisungen können der Regel zufolge jederzeit aus der Coaching-Zone gegeben werden. Doch prinzipiell darf niemand den Bereich verlassen. Einzige wirkliche Ausnahme: Wenn ein Spieler verletzt wird und auf oder auch neben dem Spielfeld behandelt werden muss. Darüber entscheidet der Schiedsrichter.

Während die Coaching-Zone in höherklassigen Wettbewerben schon seit vielen Jahren Usus ist, wird die Handhabung beispielsweise auf Länder- und Kreisverbandsebene noch unterschiedlich bewertet. Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben die Zone schon lange eingeführt, in Südbaden kennt man sie in der Praxis auf Kreisebene noch nicht.



Zeitpunkt ist umstritten

Auch sachsenweit gibt es Unterschiede, Meißen passt sich aber dem Trend anderer Kreisverbände an. Vor allem unter Trainern und Betreuern sorgt die Coaching-Zone jedoch für unterschiedliche Auffassungen. „Warum nicht? Regeln für Trainer und Betreuer können jedenfalls nicht schaden“, sagt zum Beispiel Frank Winkler aus Dresden. Auch für Torsten Katzur aus Berlin ist es eine nützliche Geschichte. „Damit nicht irgendjemand – Trainer oder Betreuer – hinter dem Tor oder auf der anderen Spielseite rumturnt und die Spieler beeinflusst“, begründet er. Außerdem gebe es für die Spieler nur eine einzige Blickrichtung zum Trainer in der Zone. In Berlin jedenfalls funktioniere das, übrigens auch mit einer sogenannten „Fanzone“.

Holger Lehnert, künftig C-Jugendtrainer der Landesklassen-Mannschaft des Großenhainer FV, ist noch skeptisch: „Bei der Jugend Coaching-Zonen einzuführen, finde ich übertrieben.“ Besonders bei der C-Jugend. Denn die jungen Spieler wechseln mit der neuen Saison vom Klein- auf das Großfeld und müssten dadurch ganz neue Anforderungen im Spiel bewältigen: Abseitsregel, taktische Umstellungen. Ohne vorgeschriebenen Aufenthaltsbereich könne sich ein Trainer auch mal in Höhe der eigenen Abwehrkette begeben und Anweisungen geben, ohne über den ganzen Platz schreien zu müssen.

Thomas Scholz, Jugendtrainer aus Brandenburg, kontert: „Je mehr Ruhe Du von draußen ausstrahlst, desto besser für die Jungs.“ Nach seinen Erfahrungen kommen die Nachwuchskicker mit der neuen Situation gut zurecht. Und während eines Spiels seien sie sowieso nur begrenzt aufnahmefähig zu dem, was von außen ins Spiel gerufen wird. Thorsten Kraut sieht es ähnlich. „Wann sollen die Jungs eigenständig werden, wenn nicht durch selbstständiges Coachen und Eigenverantwortung?“, fragt der Trainer aus Warburg in Nordrhein-Westfalen. Dazu gehöre auch, eigene Fehler auf dem Platz untereinander auszuwerten – ohne Zutun der Betreuer. Für Reinhard Pruß aus Lübeck geht eine Coaching-Zone noch nicht einmal weit genug. „Noch besser wäre es, alle ach so schlauen Zuschauer auf die andere Seite zu postieren, um deren sinnloses Rumgebrülle einzudämmen.“
27.10.2015 12:00 Uhr
Quellen
SZ-Online, 29.07.2014: http://www.sz-online.de/nachrichten/zone-der-besinnung-2891841.html