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Hart, aber herzlich
Bei den Pokal-Halbfinals der D-Jugend liefern sich Großenhain und Canitz zwei rassige Duelle. Nicht nur auf dem Platz.

Von Thomas Riemer


Alle feiern schon Pfingsten – nur ein zwei Dutzend Fußballer und ihre Betreuer nicht. Als am Sonnabend kurz nach 9 Uhr der Autokorso aus Großenhain auf die Canitzer Sportanlage einbiegt, zeigt das Thermometer schon fast 30 Grad. Das wird eine Hitzeschlacht. Und eine hitzige Schlacht zwischen den D-Jugend-Mannschaften der SG Canitz und des GFV 90 sowieso. Für beide geht es um den Einzug ins Finale des Kreispokals. „Es ist schade, dass die Mannschaften schon jetzt gegeneinander spielen müssen“, sagt der Canitzer Trainer Ronny Sucher-Pötzsch. „Das Hinspiel war für mich schon das vorweggenommene Finale.“ Vor zwei Wochen fand es in Großenhain statt. Seine Jungs hatten knapp mit 2:1 die Nase vorn. Nicht nur auf dem Spielfeld, sondern auch außerhalb war dies ein Vorgeschmack aufs Rückspiel. Denn sowohl Sucher-Pötzsch als auch sein Großenhainer Kollege Holger Lehnert sind dafür bekannt, mit vollem verbalen Einsatz sowie vielsagender Körpersprache an den Spielen ihrer Jungs teilzunehmen. Hinzukommt eine gewisse Rivalität zwischen den beiden Vereinen, die schon fast Tradition ist.

Davon ist im Rückspiel in Canitz zunächst wenig zu spüren. Die Akteure der Gastgeber lassen es beim Umziehen in ihrer Kabine krachen. Mit Heavy-Metal-Musik aus der Konserve. „Auch eine Art, sich einzustimmen“, sagt Torsten Hanitzsch. Er ist kurzfristig als Schiedsrichter eingesetzt worden und lächelt ob des außergewöhnlichen Vorbereitungsprozederes der Canitzer. Kein Ton hingegen dringt aus der Großenhainer Kabine. Die Jungs wollen Revanche für das unglücklich verlorene Hinspiel und sind voll konzentriert. „Wir reißen das Ding noch“, haben sie sich über die Woche beim Training geschworen.

Aber als Torsten Hanitzsch anpfeift, dauert es gerade mal zehn Sekunden bis zum ersten Aufreger: Der Ball zappelt im Großenhainer Netz. Ein misslungener Abwehrschlag, ein verlorenes Dribbling – und schon netzt Julian Kaiser für die Canitzer ein. Eine kalte Dusche, die kein Großenhainer trotz 30 Grad will.

Großenhainer Trotzreaktion

Coach Holger Lehnert ist fassungslos. „Ausschlafen. Jungs“, ruft er aufgeregt auf das Feld. Es klingt wie: Jetzt erst recht. Tatsächlich versuchen die GFV-Kicker, mit Kombinationsspiel Ordnung in die eigenen Reihen zu bekommen. Doch Canitz steht hinten einigermaßen sicher, schlägt die Bälle immer wieder lang aus der eigenen Gefahrenzone heraus und geht in den Zweikämpen nicht gerade zimperlich zu Werke. „Schiiiiiiiri, so was muss man auch mal pfeifen“, wettert Holger Lehnert bei einem Foul im Mittelfeld. Ronny Sucher-Pötzsch lächelt leicht süffisant zurück und winkt ab. Trotzdem: Großenhains Mittelfeldorganisator muss mit einem dicken Knie erst einmal humpelnd vom Platz. Schnell wird er behandelt – mit Eisspray aus dem Canitzer Medizinkoffer.

Großenhain lässt eine Trotzreaktion folgen. Nach einer Ecke netzt Stürmer Kurt Ziesche ein. Holger Lehnert hüpft an der Seitenlinie, wedelt mit den Armen. „Klasse Jungs, und jetzt nicht nachlassen“, ruft er ihnen zu. Doch fünf Minuten vor der Halbzeit sehnen die Aktiven hüben wie drüben erst einmal den Pausenpfiff herbei. Torsten Hanitzsch tut ihnen den Gefallen. „Selbst wenn man sich kaum bewegt, ist es kaum zu ertragen“, sagt er gequält lächelnd und nimmt einen Hieb aus der Wasserflasche. Während Holger Lehnert seine Truppe in der Kabine für die nächsten 30 Minuten „heiß“ macht, geht der Unparteiische zu den Betreuern aus der Röderstadt. „Ist das okay, wenn ich zur Hälfte noch eine Trinkpause für die Jungs einlege?“ fragt er. Kopfnicken allerseits.

Wahrlich heiß und hitzig wird es dann auch in Hälfte zwei. Der GFV, angetrieben vom Coach, vom Co-Trainer, den mitgereisten Eltern und dem GFV-Fanclub, drückt auf die Führung. Als die Mannschaft klarste Chancen liegenlässt, rauft sich Holger Lehnert die Haare. „Die Dinger müssen rein, wenn man hier gewinnen will“, sagt er mit stocksaurem Gesichtsausdruck. Als die körperlich etwas robusteren Gastgeber zu härteren Bandagen greifen, fordert er den Unparteiischen auf, Gelb zu zeigen. Sein Gegenüber Sucher-Pötzsch winkt wieder ab. „Da war gar nichts“, will er beruhigen und heizt die Stimmung damit eher an.

Freude schlägt sich in Wut um

Dann geht alles wieder sehr schnell. Weil Großenhain alles nach vorn werfen muss, kann Canitz kontern. Wieder ist es Julian Kaiser, der die Gastgeber in Führung bringt und in einer Jubeltraube seiner Mitspieler verschwindet. Auch Ronny Sucher-Pötzsch reißt die Arme hoch. Ein paar Minuten später schlägt seine Freude in Wut um. „Ihr steht da hinten, quatscht über banales Zeug – und dann kommt so ein Tor“, meckert er wütend auf seine Abwehr. Der Ärger ist berechtigt. Denn nach einem Freistoß fast von der Mittellinie nutzen die Großenhainer den Canitzer Tiefschlaf zum Ausgleich. Wieder ist Kurt Ziesche der Schütze. Gut zehn Minuten bleiben, um die Sache noch umzubiegen. Ein drittes Großenhainer Tor muss her – und die Jungs wissen das, werden von Holger Lehnert wortreich und mit unmissverständlichen Gesten nach vorn getrieben. Der Trainer hat noch einmal umgestellt, agiert mit einem zusätzlichen Stürmer. Und als ein eher misslungener Torschuss ausgerechnet dem Kleinsten auf dem Platz eine Kopfballchance eröffnet, ist das Blut am Kochen. Der Ball zischt knapp am Tor vorbei.

Ende, aus. Als Torsten Hanitzsch den letzten Pfiff setzt, treffen sich die Canitzer Spieler samt Betreuern zum Freudentanz am Mittelkreis. Enttäuschte Großenhainer sinken auf den Rasen, gratulieren dann fair ihren Konkurrenten. Auch Holger Lehnert geht ein paar Schritte auf seinen Kollegen zu, gibt ihm die Hand und wünscht fürs Finale viel Glück. Dann eilt er zu seinen Jungs. „Wir sind an der Chancenverwertung gescheitert“, so sein erstes Fazit. „Spielerisch und kämpferisch kann man überhaupt keine Vorwürfe machen“, ergänzt er sofort und klopft den Spielern auf die Schultern. In der Kabine gibt es neben Seelenbalsam auch leckeres Eis, das die Canitzer spendiert haben.

„Jetzt muss der Kreismeistertitel her“, fordert Trainer Lehnert. Den können seine Kicker aus eigener Kraft holen. Am Sonnabend. Auf der heimischen Jahnkampfbahn. Der Gegner: SG Canitz. Schon wieder, zum dritten Mal innerhalb von drei Wochen. Dem GFV reicht ein Remis, Canitz muss drei Punkte holen.

Die Canitzer D-Junioren treffen im Kreispokalfinale am 28. Juni in Strehla auf die Mannschaft des SC Riesa 2.. Die Riesaer besiegten im zweiten Halbfinale, das bereits am Donnerstag ausgetragen wurde, ihre Vereinskameraden von derSpG SC Riesa 3./Stahl Riesa.
27.10.2015 12:00 Uhr
Quellen
SZ-Online, 10.06.2014: http://www.sz-online.de/nachrichten/hart-aber-herzlich-2856325.html