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Fußball spielen statt Panzer fahren
Großenhains Projekt Husarenpark ist einzigartig in Sachsen. Jetzt wollen Stadtplaner daraus neue Konzepte ableiten.

Von Birgit Ulbricht


Fußballspielen, wo einst Panzer durchs Gelände rollten. Dieser Traum ist nicht irgendwo in der Welt, sondern in Großenhain wahr geworden. Auf 7000Quadratmetern modernstem Kunstrasen trainieren heute nicht nur Freizeitsportler aus der gesamten Region, sondern auch die Profi-Kicker von Dynamo Dresden. Gleich nebenan absolvieren die Leistungssportler der DHfKLeipzig ihre Übungseinheiten, und die Leistungsträger des Landesstützpunktes Rollsport sprinten im eigenen neuen Stadion über die Bahn. Jetzt hat sich die Sport-Initiative Brandenburg gemeldet, vergleichbar der Riesaer Fußballakademie. Die Fördergemeinschaft des brandenburgischen Fußballs will ihre Jungs auch gern in Großenhain aufs Feld schicken.

Zum Husarenviertel gehört aber noch weit mehr als die neuen Sportanlagen, wie schon der Name sagt. Denn als die kaiserlichen Truppen den ersten Exerzierplatz anlegten, entstanden auch die Kasernen, die für so viele Städte im Osten typisch sind. Umgegangen wurde mit den Kasernenstandorten jedoch verschieden: Während Meißen seine Kaserne in Bohnitzsch Anfang der 1990er zum Verkauf an einen privaten Investor freigab, der hier einen Freizeitpark bauen wollte, ging Großenhain nach der Wende sofort andere Wege. „Wir waren uns frühzeitig im Klaren, dass wir das Gebiet nicht sich selbst überlassen können“, sagt Stadtbaudirektor Tilo Hönicke rückblickend. „Das Gebiet“ – das war ein weißer Fleck auf der Stadtkarte von der Hohe Straße bis zur B101, eingezäunt mit Stacheldraht und von Mauern umgeben, mit Kontrollpunkt und ohne jegliche Unterlagen über Altlasten oder Bauakten. Da kam man nicht hinein, das blieb eben ein weißer Fleck mitten in Großenhain.

Dass Hönicke als Steppke das Areal schon sehr gut kannte, weil er als junger Handballer dort trainierte, gehört zu seinen persönlichen Eindrücken, die im Leben besonders haften bleiben. Vielleicht wollte er auch deshalb den Stadtteil „Husarenviertel“ nach dem Abzug von Russen, NVA und Bundeswehr für die Stadt öffnen. „Da stand eine Vision am Anfang, so wie jetzt mit dem Flugplatz“, so Hönicke. Dass Großenhain keinen weiteren und so riesigen Wohnpark braucht, sei schnell klargeworden. Stattdessen setzte die Stadt ihre erste Hoffnung in einen Behördenstandort und kaufte die rund sechs Hektar von der Treuhandliegenschaftsgesellschaft BVVG.

Allerdings hätte Großenhain die Erschließung und den Bau der Sportstätten nie allein bezahlen können. Fast 700000Euro hat allein die Altlastenentsorgung im alten Kfz-Park gekostet.Über 15Millionen Euro wurden insgesamt seitdem in das Husarenviertel investiert – noch jetzt baut der Landkreis für 3,6 Millionen – ein Zeichen, dass die Ämter hier bleiben. 1993/1994 – den Kreissitz hatten sich die Großenhainer gesichert – zogen mit der Förderschule (L) und der Außenstelle des Gymnasiums neben den Kreisämtern die ersten wichtigen Instanzen ins einstige Militärgelände um. Thomas Krause übernahm die Remontehalle, die Stadt baute die Rödertalhalle, das Arbeitsamt zog um, ab 2009 wurde der Sportpark gebaut – mit Tennenplatz, Hartplatz, Laufbahn, Kunstrasen, Rollsportstadion und Verkehrsgarten. Wie das möglich war, beschreibt Hönicke so: „Wir haben vom Freistaat eine Förderung bekommen, so und so viel gespart und haben gesagt, dafür würden wir ja noch das oder jenes tun. Aber dafür brauchen wir noch etwas Geld. So haben wir uns von Programm zu Programm gehangelt.“ Was hier bauernschlau klingt, ist in Sachsen eine Erfolgsgeschichte, aus der Stadtplaner, Behördenchefs, Bänker und Firmenchefs Szenarien jetzt für künftige erfolgreiche Stadtentwicklung ableiten wollen. Nächsten Dienstag treffen sie sich im Alberttreff, um genau solche Wege zu finden und zu besprechen. Mit dabei ist Dr. Michael Wilhelm, Staatssekretär im sächsischen Innenministerium, der vom Freistaat nach dem Tornado 2010 zum Krisenbeauftragten ernannt wurde und die gesamte Hilfe des Freistaates organisiert hat.



Bilduntertext:

Am 4. Juni 1991 sind Großenhains letzte Panzer auf dem Berliner Bahnhof verladen worden. Schritt für Schritt wurde dann das alte Kasernen-Gebiet entwickelt. Schulen, Behörden und Sportstätten (kleines Foto) befinden sich jetzt auf dem Gelände, das – auch mit hohem Einsatz an Fördermitteln – zu einem guten Beispiel gelungener Stadtentwicklung geworden ist.Fotos: Klaus-Dieter Brühl
27.10.2015 12:00 Uhr
Quellen
SZ-Online, 23.04.2014: http://www.sz-online.de/nachrichten/fussball-spielen-statt-panzer-fahren-2823391.html